Gleichstellungsorientierte Männerpolitik männer.bw

Eine umfassende Gleichstellungspolitik muss auch Männer als Akteure und als Adressaten von Gleichstellungspolitik in den Blick nehmen, nicht nur als Unterstützer der Anliegen von Frauen, sondern vor allem auch als Geschlechtergruppe mit eigenen spezifischen Belangen und Bedarfen. Und als Teil einer gemeinsamen Bewegung für mehr Geschlechtergerechtigkeit.
Thomas Altgeld, Vorstandsvorsitzender Bundesforum Männer

Positionspapier von männer.bw zur Gleichstellungsstrategie des Landes Baden-Württemberg

männer.bw – Forum Männer und Väter Baden-Württemberg
Als Interessenverband für Männer und Väter in Baden-Württemberg ist männer.bw ein Zusammenschluss von Verbänden, Einrichtungen und aktiven Einzelpersonen, die sich für Anliegen und Themen von Männern und Vätern in Baden-Württemberg einsetzen. männer.bw ist Mitglied im Bundesforum Männer und versteht sich als dessen Landesverband in Baden-Württemberg.


männer.bw verfolgt eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik und bezieht sich dabei auf eine sowohl politische als auch gesellschaftliche und institutionelle Weiterentwicklung hinsichtlich der Lebenslagen und Bedarfe von Männern und Vätern in Baden-Württemberg. Vordringliche Handlungsfelder finden sich in unserer Agenda „Ziele, Aufgaben, Positionen“. Die nachfolgend exemplarisch ausgeführten Themenbereiche orientieren sich an dieser Agenda.

  1. Männer im Gleichstellungsprozess

Eine moderne Gleichstellungspolitik muss Männer als Akteure und als Adressaten von Gleichstellungspolitik in den Blick nehmen, ebenso als Geschlechtergruppe mit eigenen, spezifischen Belangen und Bedarfen sowie als Teil gemeinsamer, partnerschaftlicher Bewegungen für mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Aus dieser Perspektive ergeben sich folgende grundlegende Forderungen:

  • Im Prozess der Entwicklung einer ressortübergreifenden Gleichstellungsstrategie für Baden-Württemberg sind Männer und Väter – als Ziel-, Dialog- und Bedarfsgruppe – personell, strukturell und fachlich-inhaltlich durchgängig zu beteiligen und zu berücksichtigen.
  • Männer- und Väterpolitik muss darüber hinaus als integraler Bestandteil künftiger gleichstellungspolitischer Aktivitäten und Strategien des Landes sowie als Perspektive in allen Ressorts einbezogen werden.
  • Dies gilt nicht zuletzt für die im öffentlichen Dienst beschäftigten Männer und Väter.
  • Das Chancengleichheitsgesetz sollte so geändert werden, dass Männer – unter Wahrung der Repräsentation von Frauen – bei der Wahl von Gleichstellungsbeauftragten aktives und passives Wahlrecht erhalten.
  • Das Land Baden-Württemberg sollte darauf hinwirken, dass in den kommunalen Gleichstellungsstellen, ähnlich wie bereits in der Landeshauptstadt Stuttgart, Belange von Männern und Vätern durch entsprechend ausgewiesene Stellenanteile explizit repräsentiert und dauerhaft verankert werden.
Gleichstellung

Themenfelder im Einzelnen

  • Männer und Arbeit

    Männer leisten gern und viel. Erwerbsarbeit ist eng verwoben mit dem Leistungsgedanken und dem Gewinn von Anerkennung und Selbstwert. Der Strukturwandel des Arbeitsmarkts trifft Männer besonders, da viele der klassischen Männerberufe in Industrie und Landwirtschaft verloren gehen. Der Dienstleistungsbereich wächst demgegenüber; er verlangt Fertigkeiten, die gemeinhin eher „weiblich“ konnotiert sind – zum Beispiel verbale, soziale und emotionale Kompetenzen. Männer sind häufiger von Erwerbslosigkeit betroffen als Frauen. Am härtesten trifft es gering qualifizierte Männer. In dieser Gruppe ist einer von zehn Männern arbeitslos.

    Ein eigenes Landesprogramm müsste mit der Bundesagentur für Arbeit gezielt die Nach- und Umqualifizierung der vom Strukturwandel besonders betroffenen geringqualifizierten Männer aufgreifen.

  • Vaterschaft und Sorgearbeit

    Die Mehrheit der Väter wünscht sich eine geschlechtergerechte und ausgewogene Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit. Auch immer mehr Paare wollen Erwerbs- und Familienarbeit gleich aufteilen. Zwei Drittel der Kinder in Deutschland wünschen sich mehr Zeit mit ihren Vätern. In der Realität äußert sich die Veränderung bislang eher in einem gestiegenen Engagement abends und an den Wochenenden, nicht durch eine Reduktion des Erwerbspensums. Den Wandel der Geschlechterverhältnisse zeigt auch der jährlich steigende Anteil von Vätern, die nach der Geburt eines Kindes eine eigene berufliche Auszeit zugunsten der Familie nehmen. Allerdings bleibt deren Zahl noch gering. Das Problem, Beruf und Familie zu vereinbaren, ist keineswegs auf Mütter beschränkt, sondern betrifft Väter gleichermaßen – gerade auch dann, wenn Väter der hauptbetreuende („alleinerziehende“) Elternteil sind.

    Auch deshalb wird unter Männern Teilzeitarbeit langsam populärer, wenn auch noch auf einem niedrigen Niveau. Zwar gewinnt flexibles und mobiles Arbeiten an Bedeutung, in Betrieben herrschen aber branchenübergreifend noch Präsenzkulturen, die Produktivität mit körperlicher Anwesenheit gleichsetzen. Zudem wird von Beschäftigten erwartet, jederzeit flexibel auf berufliche Anforderungen zu reagieren. Männer, die sich um pflegebedürftige Angehörige oder Kinder kümmern, können diesen Erreichbarkeitserwartungen jedoch nicht entsprechen. Im betrieblichen Kontext ernten sie wenig Verständnis für ihren Wunsch, Sorgearbeit zu übernehmen. Da Männlichkeit stark mit Vollzeitarbeit verknüpft ist, wird der Wunsch nach einer Reduzierung auf Teilzeit oder einer längeren Elternzeit oftmals als mangelnder Ehrgeiz sowie als Unmännlichkeit ausgelegt. Zu groß ist dann die Angst vor beruflichen Nachteilen.

    Ein Landesprogramm sollte gezielt Strukturen verbessern, die Männer – auch nach einer Trennung – darin fördern, Sorgeaufgaben zu übernehmen:

    • Qualifizierungsangebote für Personalabteilungen in Verwaltungen und Unternehmen
    • Entwicklung von Vereinbarkeitspolitiken für Väter für eine Beteiligung an der Pflege
    • Lotsen und / oder spezifische Anlaufstellen
    • und Informationsdienste für Männer und Väter

    Kurzfristig steht die Umsetzung der EU Richtlinie zur Einrichtung eines Vaterschaftsurlaubs von zehn Tagen unmittelbar nach der Geburt an. Zudem wäre die Ausweitung der Elternzeit für Väter auf sechs Monate sinnvoll. Außerdem sollten staatliche Behörden wie z. B. Jugendämter die Position der Väter in Sorge anerkennen.

  • Männer und Gesundheit

    Baden-Württemberg belegt bei der Lebenserwartung und deren Differenz zwischen Männern und Frauen einen relativ guten Platz. Allerdings steigt bei gesundheitlich benachteiligten Männern das Krankheits- und Sterblichkeitsrisiko auch hier in Abhängigkeit zur Einkommensposition überproportional. Bei Gesundheitsförderung und Prävention muss deshalb deutlich mehr auf diese Bedarfsgruppen geachtet und ihr Zugang in die Gesundheitsversorgung gezielt erleichtert werden.

    In den meisten nichtkommerziellen Angeboten zur Gesundheits- und Körperbildung sind Männer deutlich unterrepräsentiert. Die verantwortenden Institutionen sind anzuhalten und zu fördern, Männer gezielt zu adressieren und eine geschlechtergerechte Gesundheits- und Körperbildung anzubieten.

    Gleichzeitig sollten die im Land bereits tätigen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Akteure im Bereich der Männergesundheitsförderung unterstützt und dauerhaft gefördert werden.

    In der Gesundheitsberichterstattung des Landes Baden-Württemberg sollten Männer- und Genderaspekte durchgängig und differenziert dargestellt werden. So wäre der Männergesundheits-bericht von 2015 fortzuschreiben.

    Aus seinen zentralen Empfehlungen ist neben der Suizidprävention vor allem die Verbesserung der Unfallprävention offen. Das Landesgesundheitsamt sollte den Bereich der Männer- und Gendergesundheit stärker mit eigener Expertise besetzen und entsprechend ausgestattet werden. Die Kreisgesundheitsämter sind ebenfalls entsprechend zu qualifizieren.

    Die Präventionsstiftung des Landes sollte die Geschlechtergerechtigkeit in Gesundheitsförderung, Prävention und Versorgung zu einem vorrangigen Ziel machen.

    Die geplante ressortübergreifende Strategie für die Gesundheitsförderung in Baden-Württemberg sollte die Männer-, Frauen- und Gendergesundheit als Leitperspektive entfalten und in Teilbereichen exemplarisch entwickeln.

  • Männer und Bildung

    Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungserfolg und Geschlecht ist in Baden Württemberg besonders stark. Gerade junge Männer bleiben überproportional häufig ohne Schul- und Ausbildungsabschluss. Hier braucht es Initiativen für mehr Bildungsgerechtigkeit sowie Angebote für junge Männer, um fehlende Abschlüsse nachzuholen.

    Um Männer insgesamt, speziell die bildungs- und zugangsbenachteiligten Männer, besser erreichen zu können, müssen Männerthemen sowie Ergebnisse der Männerforschung bei sämtlichen Institutionen zur Ausbildung, Berufsbildung und Hochschulausbildung curricular verankert werden. In der Geschlechterforschung an Fachhochschulen und Universitäten müssen Männer in ihren spezifischen und vielfältigen Lebens- und Problemlagen deutlich mehr Beachtung finden. Dazu bedarf es gezielter Fördermaßnahmen, gerade auch in Männer- und Genderforschung und Queer Studies.

    Der Männeranteil im Erziehungs-, Bildungs- und Pflegebereich muss erhöht und gefördert werden. Insbesondere der noch zu geringe Anteil von Männern in Kitas sollte durch Fortbildung und geförderte Vernetzungs-möglichkeiten gestärkt werden. Viele Männer mit Berufserfahrung wollen ihren Beruf wechseln, um im Erziehungs-, Bildungs- oder Pflegebereich zu arbeiten. Mit entsprechenden Programmen zu einem Quereinstieg ohne Erwerbsunterbrechung sollten Berufswechsler unterstützt werden.

    Männer sind in der Erwachsenenbildung unterrepräsentiert, etwa bei Fort- und Weiterbildungen im Bereich der Soft skills, in vielen nicht berufsbezogenen Bereichen wie z. B. der Familien- oder der Gesundheitsbildung. Ähnliches gilt im Bereich der Freistellung für ehrenamtliche Tätigkeit oder zum Bildungsurlaub. Entsprechende Bildungsangebote für Männer müssen gezielt gefördert werden. Neben landeseigenen Programmen wären Qualitätssiegel und Zertifizierungen hilfreich, ebenso finanzielle Anreize bei höherer Teilnahme von Männern.

    Auch die Baden-Württemberg Stiftung sollte diese Neuorientierung im Bildungsbereich fördern.

  • Männer und Gewalt – Gewaltbetroffenheit von Männern

    Zukünftig sollten Jungen und Männer unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht und kulturell ethnischen Herkünften ein selbstbestimmtes Leben führen können und Möglichkeiten haben, der Gewalt zu entkommen:

    • häuslicher Gewalt, Gewalt im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in Heimen, beim Sport, beim Militär oder auch in kulturellen und religiösen Gemeinschaften.


    Bei der Bewältigung der ihnen widerfahrenen Gewalt sollten Betroffene schnell unbürokratische Hilfe sowie qualifizierte Beratung vorfinden und zukünftig auf Unterstützung durch ein bedarfsdeckendes Angebot an spezialisierten Fachberatungsstellen – auch als Anlaufstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt – sowie auf Schutzunterkünfte zurückgreifen können. Besondere Aufmerksamkeit erfordern die Gewalt gegen Männer mit Behinderung, die Missachtung der männlichen sexuellen Selbstbestimmung (sexuelle Ausbeutung und Prostitution) und die Verhinderungung von Zwangseingriffen am eigenen Körper (sog. Beschneidung).

    Als Grundlage für eine zielgenaue Gleichstellungsstrategie müsste die gegen Männer gerichtete geschlechtsspezifische Gewalt für Baden-Württemberg erstmalig repräsentativ erhoben werden. Bei der Erforschung solcher Gewaltwiderfahrnisse sollte der Schwerpunkt auf der Häufigkeit des Vorkommens, den Ausprägungen und den Gewaltfolgen (Traumata) liegen. Daraus ließe sich ein belastbares Gesamtbild ableiten, denn die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik bildet die gegen Männer gerichteten Vorkommnisse nur unvollständig ab.

  • Migration und Integration

    Deutschland und auch das Land Baden-Württemberg sind geprägt von Migration. Die Beweggründe für Migration sind vielschichtig. Genauso vielfältig sind auch die Menschen, die kommen. Folglich sind Bedürfnisse und Bedarfe im Kontext einer gleichstellungsorientierten Männerpolitik auch unterschiedlich. Die Migranten, die in der dritten Generation hier leben und im Zuge der Anwerbeabkommen in den Sechzigerjahren kamen, haben andere Herausforderungen zu bewältigen als z. B. Jungen und Männer, die vor kurzem ihre Heimat verlassen mussten, um vor dem Krieg zu fliehen. Integrations- und Gleichstellungspolitik für Männer mit Migrationshintergrund muss deshalb auf unterschiedliche Problemlagen reagieren:

    1. Zielgruppenspezifische Angebote müssen den Zugang für migrantische Männer zu den Angeboten im Gesundheitssystem und in bürgerschaftliche Beteiligung verbessern.
    2. Generell muss in der öffentlichen Verwaltung Barrierefreiheit, insbesondere in Bezug auf Sprache, z. B. durch Informationen in einfacher Sprache und ggf. Übersetzungen gewährleistet werden.
    3. Männerspezifische Beratungsangebote müssen Bedarfe von Migranten stärker berücksichtigen.
    4. Geschlechterspezifische Fluchtgründe von Männern müssen im Asylverfahren stärker beachtet werden.
    5. Der „Aktionsplan Akzeptanz“ muss hinsichtlich der Gewaltbetroffenheit von Migranten und sexuellen Minderheiten weiterentwickelt werden. Männeropferberatungsstellen sind kultursensibler zu gestalten.
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