Gleichstellungsorientierte Männerpolitik männer.bw

Eine umfassende Gleichstellungspolitik muss auch Männer als Akteure und als Adressaten von Gleichstellungspolitik in den Blick nehmen, nicht nur als Unterstützer der Anliegen von Frauen, sondern vor allem auch als Geschlechtergruppe mit eigenen spezifischen Belangen und Bedarfen. Und als Teil einer gemeinsamen Bewegung für mehr Gechlechtergerechtigkeit.
Thomas Altgeld, Vorstandsvorsitzender Bundesforum Männer

Fachliche Grundlagen

Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschland ist nicht ideologie-, sondern evidenzbasiert. Sie baut auf den Erkenntnissen von Wissenschaft und Praxis auf. Folgende Pfeiler bilden das fachliche Fundament:

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau (gemacht).“ Dieser berühmte Satz von Simone de Beauvoir gilt auch für Jungen und Männer. Auch sie lernen im Lauf ihres Aufwachsens, wie „richtig“ Mann-Sein geht. „Männliche Sozialisation“ heißt der Fachbegriff."


"Junge- und Mann-Sein entwickelt und vollzieht sich immer innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse. Deshalb ist es in Geschlechterfragen heikel, mit Verweis auf Natur und Biologie vermeintliche Selbstverständlichkeiten einzufordern."

"Männlichkeitsanforderungen sind wirksam – ob wir wollen oder nicht, ob wir sie teilen oder nicht. Denn wir alle, Männer wie Frauen, teilen gesellschaftliches Orientierungswissen, was „männlich“ (und was „weiblich“) ist. Das hängt immer auch mit Machtstrukturen und Herrschaftsinteressen zusammen."

"Männlichkeitsanforderungen schaffen Normen und fördern Wettbewerb, Konkurrenz und Hierarchien. Weil die Anforderungen an einen „richtigen Mann“ widersprüchlich und letztlich unerreichbar sind, müssen Jungen und Männer immer auch einen Umgang mit der Angst finden, nicht zu genügen."

"Männliche Sozialisation „rechtfertigt“ gesellschaftliche Ungleichheiten und Geschlechterhierarchien, denn sie vermittelt Männern die Illusion, den Mittelpunkt der Welt darzustellen, Anspruch auf Privilegien zu haben, bestimmen zu dürfen. Das verursacht viel Leid und Wut – und führt bis heute zu unhaltbaren Ungerechtigkeiten."

"Männliche Sozialisation uniformiert und begrenzt damit Entwicklung und Vielfalt. Die meisten Männer wollen nicht das Risiko eingehen, „unmännlich“ zu erscheinen, lieber legen sie den Autopiloten ein und funktionieren, wie es von ihnen erwartet wird. Viele ver-lieren die Verbindung zu sich selbst. Deshalb fällt es auch so vielen Männern schwer, Gefühle zu benennen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen."

Auch wenn es unter Jungen und Männern selbst viele Unterschiede und große Ungleichheiten gibt: Dass sie sich in irgendeiner Weise zu Männlichkeitsanforderungen verhalten müssen, ist eine Erfahrung, die alle Jungen und Männer teilen.
Gleichstellung

Themenfelder im Einzelnen

  • Gender Pay Gap und Gender Care Gap

    Beispiel Gender Pay Gap und Gender Care Gap. Eine tatsächliche Entgeltgleichheit birgt auch große Chancen für Männer. Sie entlastet Väter von der ihren gesellschaftlich noch immer zugewiesenen Haupternährer-Rolle. Equal Pay und eine gerechte Aufteilung der Verantwortung für das Familieneinkommen zwischen den Geschlechtern ermöglicht Männern mehr Zeit für Familie, Partnerschaft und die private Sorgearbeit.

  • Kriminalität und Gewaltbetroffenheit

    Männer sind häufiger gewalttätig als Frauen. Dies gilt sowohl für Gewalt an Menschen wie auch an Dingen (Vandalismus, Sachbeschädigungen et cetera), sowohl für Gewalt im häuslichen wie auch im öffentlichen Bereich.
    Diese Tatsache verleitet leicht dazu, männliche Verletzlichkeiten und Opfererfahrungen zu übersehen. Rund zwei Drittel der Gewaltopfer im öffentlichen Raum und ein Fünftel der Gewaltopfer im häuslichen Bereich sind Männer. Im Alter ab 60 Jahren kommt auf zwei weibliche Opfer von Partnerschaftsgewalt ein männliches Opfer von Partnerschaftsgewalt. Täter müssen gestoppt und Männer, die kein Täter sein oder werden wollen aktiv unterstützt werden. Doch ist es verkürzt, Männer per se und ausschließlich als (potenzielle) Täter zu begreifen. Jungen und Männer, die Opfer von Gewalt geworden sind, ob von häuslicher, partnerschaftlicher, sexualisierter oder von Gewalt im öffentlichen Raum, müssen unterstützt werden.

  • Gesundheit

    Auch die Gesundheit und die Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Männern und Jungen sind uns ein wichtiges Anliegen. Männer haben eine um fünf Jahre geringere Lebenserwartung als Frauen in Deutschland, sind aufgrund ihrer Sozialisation eher dazu bereit, gesundheitliche Risiken einzugehen und nutzen geschlechtsneutral angelegte Angebote zur Prävention oder Früherkennung später und seltener. Insofern gilt es, männerspezifische Gesundheitsaspekte dezidiert in den Blick zu nehmen und generell Versorgungsangebote und Gesundheitsförderungsmaßnahmen bedarfsgerecht und niedrigschwellig zu gestalten.

  • Beratung

    Schließlich müssen Ansätze einer geschlechtersensiblen und männlichkeitsorientierten Beratung für Männer weiter ausgebaut werden. Viele der vorhandenen Angebote in der psychosozialen oder gesundheitsbezogenen Beratung sprechen Jungen, Männer und Väter nicht direkt an und sind geschlechtlich allgemein gehalten. Hier sehen wir noch viel Potential, zielgruppengenauere Angebote zu machen und dadurch zugleich ganz praktisch einen Beitrag zu mehr Gleichstellung zu leisten.

  • Vereinbarkeit

    „Laut Forschern, Wissenschaftsführern und Aktivisten könnte das Jahr 2020 den Blick der Gesellschaft auf Vaterschaft grundlegend verändert haben und somit den tiefgreifendsten Wandel in der Fürsorgeverantwortung seit dem Zweiten Weltkrieg bewirken …“, schrieb The Guardian1 im November 2020.

    Im Sommer 2021 befragten Studierende der Wirtschafts- und Werbepsychologie der Universität München in Rahmen einer Forschungsarbeit ihre Kommiliton:innen, welche Rolle für sie die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben spiele. Das Ergebnis: Eine betriebliche Vereinbarkeitspolitik erhöht die Arbeitgeberattraktivität deutlich.

    Auch der Arbeitsmarkt orientiert sich noch immer stark an Geschlechterstereotypen:

    "Der Begriff der „horizontalen Geschlechtersegregation“ verweist darauf, dass Männer und Frauen unterschiedliche Berufsfelder bevorzugen. Männer sind vor allem in pädagogischen, pflegerischen, sozialen und haushaltsnahen Berufen deutlich untervertreten. Deshalb trifft sie der Strukturwandel des Arbeitsmarkts besonders hart, da überdurchschnittlich viele „Männerberufe“ in Industrie und Landwirtschaft verloren gehen. Geschlechtsuntypische Berufswahl ist deshalb für Männer auch eine Chance auf eine Zukunft mit mehr Beschäftigungssicherheit."

    "Der Begriff der „vertikalen Geschlechtersegregation“ verweist auf die Geschlechterunterschiede zwischen den professionellen Hierarchien innerhalb des gleichen Berufsfelds. Auch sie halten sich hartnäckig. So sind beispielsweise immer noch 91,5 Prozent aller Vorstände in börsennotierten Unternehmen Deutschlands Männer."

  • Bildung und Berufswahl

    Mädchen haben ihre historische Benachteiligung aufgeholt und sind im Schnitt erfolgreicher als Jungen. Trotzdem greift die Rede von Jungen als „Bildungsverlierern“ zu kurz. Vielmehr sind bestimmte Gruppen von Jungen gefährdet, die Schule ohne Abschluss und/oder Perspektiven zu verlassen: Das trifft vor allem auf Jungen aus sozioökonomisch benachteiligten und bildungsfernen Milieus (mit oder ohne Migrationshintergrund) zu, in denen sich auch traditionelle Männlichkeitsnormen hartnäckig halten. Diese Verbindung kann sich auf den Schulerfolg besonders negativ auswirken – beispielsweise dann, wenn schulisches Engagement und Interesse als „unmännlich“ abgewehrt werden.

    Um Chancengleichheit zu gewährleisten, ist die frühkindliche Bildung von hoher Bedeutung. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder im Elementarbereich von einer männlichen Lehrkraft unterrichtet werden, ist nach wie vor sehr klein: Nur etwa fünf Prozent der Lehrkräfte in Kitas und Kindergärten sind Männer – wenn auch mit steigender Tendenz. Grundsätzlich nimmt der Männeranteil unter den Lehrkräften mit dem Alter der unterrichteten Kinder zu. Im Tertiärbereich sind sechs von zehn Lehrkräften Männer. Von der Gesamtheit der Lehrkräfte aller Stufen beträgt das Geschlechterverhältnis 1:2.

  • Engagement und Teilhabe

    Männer engagieren sich – außer zwischen 35 und 50 Jahren – in allen Lebensphasen etwas häufiger als Frauen freiwillig. Die Freude am Engagement und die damit verbundenen sozialen Kontakte sind die stärksten Motivationsfaktoren. Wenn bereits vorhandene Kompetenzen genutzt werden können, macht dies das Engagement niederschwelliger. Eigene Care-Erfahrungen erleichtern Männern deshalb auch das freiwillige Care-Engagement.
    Die Aufgabenverteilung bleibt unter anderem deswegen oft geschlechterstereotyp. Männer nehmen häufiger formelle Engagements mit Sichtbarkeit und Prestige nach außen wahr, vor allem in den Bereichen Sport, Politik und Sicherheit. Demgegenüber tragen Frauen mehr Care-Verantwortung mit wenig Sichtbarkeit und Prestige, beispielsweise im pädagogischen oder kirchlichen Bereich. Jedoch werden Klischees auch durchbrochen. So ist es bemerkenswert, dass Männer jenseits des 75. Lebensjahres mit höherer Wahrscheinlichkeit Angehörigenpflege leisten als gleichaltrige Frauen. Diese Engagements öffnen vielen Männern – besonders im höheren Erwachsenenalter – neue Horizonte. Sie erschließen sich Erfahrungsräume und Selbstwirksamkeitserfahrungen, die im Berufsleben verborgen geblieben waren. Viele finden in der Erfahrung des Gebraucht-Werdens neuen Sinn.

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